Piemont: Wo der Wein die Landschaft erzählt
Es gibt Weinregionen, die man besucht, und solche, die einen nicht mehr loslassen. Das Piemont gehört für mich zur zweiten Sorte. Zwischen Barolo, Barbaresco und Alba habe ich Hügel, Weingüter und Menschen kennengelernt, die diese Landschaft zu etwas ganz Besonderem machen.
ein Erfahrungsbericht von Simon Felix (genussreisen.ch)
Nebbiolo, wie er ursprünglicher nicht sein könnte
Das nördliche Piemont grenzt an die Schweiz. Gattinara ist sehr bekannt für seinen exklusiven Rotwein. Es liegt über 100 Kilometer nördlicher und ist höher als Barolo. Das kühlere, kontinentalere Klima ergibt Weine mit weniger Wucht, dafür mehr Eleganz, Säure und Finesse, oft eleganter und blumiger als südlichere Nebbiolo-Weine. Hier zeigt sich der Nebbiolo also von einer ganz anderen Seite: mineralisch, floral, geprägt von den vulkanischen Böden der Region.
Verantwortlich dafür sind moränisch-alluviale Böden, Porphyr und glaziale Sande. Sie sorgen für ausgeprägte Temperaturschwankungen, die Frische und Langlebigkeit der Weine begünstigen, ein klassisches Phänomen der Hanglagen: Kühle Nächte erhalten die Säure, während warme Tage die phenolische Reife vorantreiben.
Eine Verkostung bei Travaglini in Gattinara macht diesen Zusammenhang von Boden, Klima und Weinstil greifbar wie kaum anderswo. Es ist kein Zufall, dass ich diesen Wein im Sortiment von Fernwehbox habe. Und das nicht nur wegen seiner speziellen Flaschenform.
Mit dem Heli über das Weingut von Giovanni Rosso
Von oben offenbart sich das Piemont dann als ein Flickenteppich aus Rebzeilen, Schlössern und Kirchtürmen. Ein Bild, das jede Weinverkostung danach noch intensiver macht. Genau dieses Bild hatte ich vor Augen, als ich in Serralunga d'Alba bei Giovanni Rosso zu Gast war. Der charismatische Winzer Davide Rosso, der das Weingut in vierter Generation leitet, charterte für uns einen Helikopter und bot uns eine atemberaubende Vogelperspektive der Region und seiner Rebberge. Sein Betrieb ist für seine präzisen, lagenreinen Barolos aus den besten Crus der Gegend bekannt. Jeder Wein ist ein eigenständiges Porträt seines Rebbergs.
Cannubi und Borgogno: ein Hügel, eine Familie
Kaum eine Lage im Barolo-Gebiet ist so legendär wie der Cannubi-Hügel. Elegant, blumig, nie aufdringlich, unter Kennern ebenso geschätzt wie eine grosse Lage im Burgund. Mitten darin, buchstäblich im Herzen von Cannubi, liegt das Weingut der Fratelli Serio e Battista Borgogno. Seit 1897, mittlerweile in der fünften Generation, wird hier auf traditionelle Weise gearbeitet: Vergärung in Holzbottichen, Ausbau ausschliesslich in grossen slawonischen Eichenfässern. Das Ergebnis sind Barolos, wie man sie schon vor Jahrzehnten trank. Es ist ein bewusstes Festhalten an der alten Schule, das im Glas spürbar wird.
Paolo Manzone in Serralunga d'Alba
Ein eigenes Erlebnis war der Besuch bei Paolo Manzone in Serralunga d'Alba. Sein Weingut bietet neben den Verkostungen auch eigene Gästezimmer an. Wer möchte, kann also direkt zwischen den Reben übernachten. Wir haben dort zahlreiche Weine degustiert, und Paolo Manzone selbst hat uns dabei mit viel Erzählfreude durch seine Weine geführt, von den Geschichten hinter einzelnen Lagen bis zu kleinen Anekdoten aus dem Weinjahr.
Malvirà und ein Trüffelmenü in der Villa Triboli
Unvergesslich bleibt mein Besuch bei Malvirà in Canale, im Roero. Hier zeigt sich das Piemont von seiner eleganten, oft unterschätzten Seite: Die Weine, vom Arneis bis zum Roero Nebbiolo, überzeugen mit Frische und Finesse und stehen dem grossen Barolo in nichts nach.
Zum Weingut gehört die Villa Triboli, wo ich ein Trüffelmenü geniessen durfte, das seinesgleichen sucht. Von der Vorspeise bis zum Dessert zog sich der weisse Trüffel wie ein roter Faden durch das Menü. Selbst das Dessert war noch mit weissem Trüffel kombiniert, eine Überraschung, die zeigt, wie sehr man im Piemont mit diesem kostbaren Gut zu spielen versteht. Begleitet von den eigenen Weinen von Malvirà wurde daraus ein kulinarischer Höhepunkt, der die ganze Raffinesse der piemontesischen Küche auf den Punkt brachte.
Mit dem e-Bike zwischen den Reben unterwegs
Immer populärer werden E-Bike-Touren durch die Hügel des Barolo-Gebiets, bei denen man die steilen Rebberge nicht nur sieht, sondern regelrecht erfährt. Unsere Tour führt uns von La Morra bis nach Barolo. Ein Blick auf die majestätische Libanon-Zeder, den berühmten Baum auf dem Colle Monfalletto in La Morra, darf dabei nicht fehlen. Unser kundiger, deutschsprachiger Guide erzählt uns viel über das Gebiet und führt uns zum Weingut Giacomo Fenocchio in Monforte d'Alba, mitten in der Sotto-Region Bussia gelegen. Uns erwartet eine spannende Degustation, die länger dauert als geplant und uns mit einem ungewohnten Ablauf überrascht. Die Weine faszinieren uns. Anschliessend fahren wir weiter nach Barolo, wo uns das Mittagessen erwartet, sodass wir gestärkt zurück nach La Morra radeln, natürlich mit Unterstützung des Motors, denn der Aufstieg hat es in sich.
Cascina Castlet: bereits zweimal zu Gast
Bei Cascina Castlet in Costigliole d'Asti war ich bislang zweimal. Das erste Mal auf einer Informationsreise des Piemontesischen Weinverband, das zweite Mal mit einer kleinen Gruppe. Beim ersten Besuch vor acht Jahren sassen wir noch im alten, urchigen Gewölbekeller und philosophierten mit der Inhaberin Mariuccia Borio und ihrem Cousin sowie dessen Frau. Mittlerweile wurde das Weingut modernisiert, ein grosszügiger neuer Raum für Degustationen ist entstanden. Mariuccia Borio, inzwischen über 78 Jahre alt, ist nach wie vor aktiv und präsent. Speziell an Cascina Castlet sind die aussergewöhnlich gestalteten Etiketten der Flaschen sowie ein ganz besonderer Wein aus der raren Uvalino-Traube, die man nur selten ausserhalb dieser Region findet.
Banca del Vino und die Slow Food Universität in Pollenzo
Als ich zum ersten Mal die Gewölbekeller der Agenzia di Pollenzo betrat, wo die Banca del Vino zu Hause ist, blieb ich fast andächtig stehen. Über 100'000 Flaschen aus rund 300 italienischen Weingütern ruhen hier im Halbdunkel, jede ein kleines Stück Weingeschichte. Es fühlte sich weniger wie ein Weinlager an als wie eine Bibliothek, nur dass hier nicht Bücher, sondern Jahrgänge auf ihre Leser warten. Übernachtet habe ich damals gleich nebenan, im Albergo dell'Agenzia, direkt über diesen Kellern.
Nur wenige Schritte entfernt liegt die Università di Scienze Gastronomiche, die Slow-Food-Universität, die seit 2004 Ernährung, Landwirtschaft und Kultur zusammendenkt. Man spürt es sofort: In Pollenzo wird Wein und Essen nicht nur genossen, sondern auch verstanden.
Die Vielfalt dieser Region fasziniert
Was das Piemont für mich so besonders macht, ist die Vielfalt, wie man diese Weinwelt erleben kann. Der filigrane Barbaresco von Ca' del Baio, der kraftvolle, traditionell ausgebaute Barolo aus Cannubi, der mineralische, florale Nebbiolo aus dem fernen Gattinara und der elegante Roero von Malvirà zeigen, wie unterschiedlich ein und dieselbe Rebsorte klingen kann, je nachdem, wo und von wem sie gelesen wird. Selbst abseits der grossen Namen überrascht das Piemont, etwa mit der raren Uvalino-Traube bei Cascina Castlet. Bei Giacomo Fenocchio in Monforte d'Alba schliesslich wird deutlich, wie stark Lage und Mikroklima den Stil eines Weins selbst innerhalb weniger Kilometer prägen können.
Doch es ist nicht allein der Wein, der diese Region so besonders macht. Es ist die Verbindung aus Landschaft, Handwerk und den Winzerpersönlichkeiten, denen man hier auf Schritt und Tritt begegnet. Jedes Weingut erzählt seine eigene Geschichte, und genau darin liegt der Reiz dieser Region: Man muss nur zuhören.
Meine Restaurant-Tipps in der Barolo Region
- Barbaresco: Trattoria Antica Torre, ehrliche piemontesische Küche im Herzen des Dorfs
- La Morra: Osteria More e Macine, gemütlich und typisch für die Region, für mich aber etwas laut
- La Morra: UVE Rooms & Wine Bar, Weinbar mit stimmungsvollem Ambiente und hervorragendem Essen, einer meiner Favoriten
- Barolo: Barolo & Friends, ideal nach einem Tag zwischen den Reben
- Serralunga d'Alba: Guido Ristorante, piemontesische Küche mit 1-Michelin-Stern